8

Der Sturm der Festung

 

Unsere Soldaten stürmen die geheime Festung der Ahnenerbe-SS mit großer Geschwindigkeit und einem Elan, der nur durch taktische Vorsichtsmaßnahmen und eine gewisse Verwunderung gemindert wird. Denn schon bald stellt sich heraus, dass sich niemand in der Burg befindet.

Zuerst rückt unser Aufklärungsroboter in die Höhle des Löwen vor. Während er auf den Burggraben zurollt, bewegt sich das Bravo-Team auf leisen Sohlen durch den schockgefrorenen Wald auf der anderen Seite der Festung. Alle sind extrem angespannt. Kein Wort wird gewechselt, der Funk bleibt stumm. Jeder bemüht sich, unsichtbar zu bleiben und sich mehr oder weniger verborgen vorwärtszubewegen. Denn eine Infrarot-Kamera würde einen Menschen in dieser Eiseskälte wie eine Leuchtrakete aufscheinen lassen.

Noch immer herrscht eine unheimliche Stille und weder Schüsse noch Rufe ertönen. Ich beuge mich über Hutters Schulter und betrachte den Monitor. Die Festung ist außer einem leuchtend roten Zentralgebäude, das circa zweihundertfünfzig Grad wärmer als seine Umgebung sein muss, in völlige Dunkelheit gehüllt.

Alan lässt zweimal die Hand über seinem Kopfkreisen, und in weiter Ferne erwacht ein schlafender Drache. Ein flammender Lichtpunkt saust zischend über die gefrorene Landschaft, um dann in der Nähe der Zugbrücke einzuschlagen. Steinbrocken und Metall stürzen lautlos durch das Vakuum. Auf einmal geht alles sehr schnell: Das Alpha-Team stürmt die Zugbrücke, während Team Bravo aus dem Wald auftaucht und in Windeseile Richtung Festung vorrückt. Eine Reihe von Raketen erhellen die dunkle Nacht und legen die Wehrgänge in Schutt und Asche, und dann –

Nichts. Nichts außer Totenstille und den sich hektisch bewegenden Soldaten. Schon haben sie den Festungswall erreicht und schwärmen aus. Sie bewegen sich so mühelos, als würde der Überlebensrucksack keine dreißig Kilo, sondern nur wenige Gramm wiegen. Plötzlich beginnt der Angriff auch von unserer Seite.

Eine Rakete fliegt zischend in Richtung Mauer, und ein Mann feuert Maschinengewehrsalven auf den Innenhof. Jeder Einschlag wirbelt kleine Staubwolken auf. Aber noch immer kein Gegenfeuer.

»Alpha sicher«, knurrt eine Stimme durch den    Äther. Kurz darauf: »Bravo gesichert. Feuer einstellen, Feuer einstellen. Wir sind allein.«

»Allein? Bitte bestätigen.« Es ist Alans Stimme.

»Alpha hier – alles leer«, versichert eine andere Stimme. »Leer wie in verlassen.«

»Bestätigung Bravo, Mike hier. Ein zerstörter Lastwagen im Innenhof, aber keinerlei Lebenszeichen. Beim zentralen Angriffsziel bin ich mir nicht sicher, aber falls sich jemand darin verschanzt hat, kommt er jedenfalls nicht raus. Sie hätten uns allerdings sowieso nicht gehört.« Die Stimme klingt nervös.

»Mike, bleibt in Deckung. Keine vorschnellen Schlussfolgerungen! Hammer, sichert den Eingang zum Hof. Chaitin, ihr belagert das zentrale Blockhaus. Aber kein Beschuss, ehe ich es sage. Team Charlie, rein mit euch!«

Alan steht auf und läuft geduckt in Richtung Festung. Ich erkenne andere Gestalten, die sich auf die zerstörten Tore der Burg zu bewegen, wobei sie sich immer wieder flach auf den Boden werfen – bereit für den Angriff, der nicht erfolgt.

Was zum Teufel geht hier vor? Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Ich stehe auf und laufe schweren Schrittes los. Mit jeder Bewegung scheint der schwere Rucksack meine Füße förmlich in den gefrorenen Boden zu rammen. Die Ebene ist ungefähr einhundert Meter breit, und ich fühle mich sehr ungeschützt, als ich die Deckung des erfrorenen Waldes verlasse. Aber aus der Festung gibt es kein Lebenszeichen. Nichts geschieht, und ich werfe mich schließlich völlig außer Atem in den Schatten der Zugbrücke.

Die Festung ragt drohend über mir auf – ein riesiges graues Gebilde aus Beton oder Stein, das sich von der Dunkelheit kaum abhebt. Ein schmales Fenster über den Toren, düster wie eine Krypta, überblickt den Eingang. Die Tore bestehen aus soliden Holzplatten und sind mit Metall beschlagen, doch der Drache hat sie derart in Mitleidenschaft gezogen, dass sie nur noch in den Scharnieren hängen und jedermann Zutritt gewähren. Auf einmal schlägt mir jemand in die Kniekehlen. »Howard! Runter mit Ihnen!«

Ich werfe mich zu Boden und sofort kriecht eisige Kälte durch die dicken Schutzpolster an meinen Knien und Ellbogen. Über Funk vernehme ich kurze Anweisungen für jedes Team. »Chaitin, weiterhin das Blockhaus beobachten. Hutter, irgendwelche Lebenszeichen?«

»Hier Hutter. Nichts, Boss. Das Blockhaus ist warm, aber außerhalb keinerlei Bewegung. Halt! Doch, ich erkenne Temperaturschwankungen im Innenhof, es sind aber nur einige Grad Unterschied. Wahrscheinlich Hitze aus dem Blockhaus.« Das Blockhaus glüht förmlich unter Infrarot – der bisher sicherste Hinweis auf Leben.

Ich robbe mich durch einen Tunnel unter den Mauern hindurch und wage einen Blick um die Ecke auf das so genannte Blockhaus. Es ist in Wirklichkeit eine Festung innerhalb der Festung und wie eine kleine Burg konstruiert. Weit oben befinden sich einige Fenster, und eine große Kuppel ragt aus dem Dach hervor. Kleine, geschlossene Türen sollen die Kälte draußen halten. An der Gebäudemauer lehnt ein seltsames kleines Fahrzeug, das wie ein Mischung aus einem Panzer und einem Motorrad aussieht und ganz vom Staub unserer Stürmung bedeckt ist. Es muss eine Art Kettenkrad sein.

»Chaitin, kontrollieren Sie die Türen. Scary Spice, geben Sie ihm mit Ihrer M40 Rückendeckung.«

Jemand, der nun wirklich nicht wie ein Spice Girl aussieht, kriecht in meine Richtung und richtet eine Konstruktion, die wie eine Kreuzung zwischen Abflussrohr und Maschinenpistole wirkt, auf das zentrale Gebäude. Ein anderer, in Wintercamouflage, rennt nach vorn in Richtung Tür. Der Kerl mit der Panzerfaust tippt mir auf die Schulter. »Mach dich dünne!«, zischt er mich an.

»Kein Problem.« Merkwürdigerweise verspüre ich keine Angst.

Einer der Soldaten spritzt eine weiße Masse um den Türrahmen des Blockhauses. Immer noch zeigt sich kein Willkommenskomitee. Ich blicke auf und sehe die feindselig roten Sterne über mir und frage mich, warum ich nicht mehr erkennen kann. Gerade kommt mir ein Gedanke, als der Soldat einen Zünder in die Masse steckt und auf uns zu rennt. »Deckung!« Schon spüre ich, wie die Erde bebt. Dunst und Gas quellen unter der Tür hervor. Sie scheint immer größer zu werden. Auf einmal hebt es sie aus den Angeln, sie fliegt an uns vorbei, und die entweichende Luft reißt mich fast um.

»Mein Gott«, murmelt jemand über Funk. Ich drehe mich um, weil ich wissen will, wo die Tür gelandet ist. Etwas stimmt hier nicht – ich spüre es ganz deutlich. Wo zum Teufel ist die Ahnenerbe-SS? Es sollten Leute hier sein – das stimmt nicht.

Scary Spice hält seine Panzerfaust auf den Raum hinter der Tür gerichtet. Der Luftstrom ist versiegt, und als Chaitin eine Leuchtrakete hineinwirft, erhellt diese eine leere Kammer etwa in der Größe einer Garage. Auf beiden Seiten sind versiegelte Türen zu erkennen. »Unheimlich«, sage ich. »Sieht leer aus. Keiner daheim?«

Das Sonderkommando wartet nicht darauf, bis jemand die Tür aufmacht und sie höflich hereinbittet. Das Bravo-Team stürmt vielmehr den leeren Vorraum. »Luftschleusen. Das könnte unangenehm werden – eine tödliche Falle …«

»Bob, hören Sie mich?«, vernehme ich Alans Stimme. Laut der Anzeigentafel auf meiner Brust ist er auf einem geschlossenen Kanal. Ich schalte mich hinzu.

»Warum ist da keiner?«, will ich wissen.

»Woher soll ich das wissen? Wir müssen da möglichst schnell rein. Irgendwelche Vorschläge?«

»Ja. Wenn wir den Druck verringern und sich Mo da drin befindet, werden wir unsere beste Informationsquelle verlieren.«

»Aber wenn wir den Druck nicht ablassen und irgendein alter Nazi-Wiedergänger meine Leute in die Luft jagt, habe ich mehr als nur einige Informationen verloren.« Ich spüre eine Hand auf der Schulter und drehe mich blitzartig um. Alan steht direkt hinter mir und sieht mir ernst in die Augen. »Vergessen Sie das nicht.«

»Unser primäres Ziel ist die Informationsbeschaffung –«, erwidere ich, aber er hat schon wieder auf einen anderen Kanal geschaltet; ich weiß also nicht, ob er mich noch hört. Er stupst mich jedenfalls an und gestikuliert in Richtung Vorraum. Dort hat das Bravo-Team inzwischen eine der Türen geknackt und macht sich gerade an einer dahinter befindlichen Luftschleuse zu schaffen.

»Bravo, Mike hier. Wir haben Atmosphäre – ein halbes Kilopascal und nur Zwanzig unter Null. Druck steigt: Sicherheitsvorrichtung der Schleuse entschlüsselt. Scheint alles zu funktionieren, ist aber verdammt staubig. Sobald Sie es sagen, gehen wir weiter.«

Ich folge Alan und dem Alpha-Team in den Vorraum. Scary Spice ist damit beschäftigt, Sprengstoff um die Luftschleusen anzubringen, während ein anderer Soldat sie mit einem stark isolierten Maschinengewehr ins Visier nimmt. Ich schalte wieder auf den Hauptkanal um und höre Geknister. Etwas scheint mit meinem Funk nicht zu stimmen, denn ich höre auf einmal viele undeutliche Geräusche. Geräusche –

»Hier Howard. Hört einer von euch auch dieses Knistern?«

»Hier Hutter. Wer war das? Bitte wiederholen. Ich empfange Sie zwar, aber das Signal wird schwächer.«

»Hutter, Bob, etwas weniger Geplänkel, wenn ich bitten darf. Benutzt die Rauschunterdrückung. Wir haben hier etwas zu tun.« Alan hört sich ziemlich beschäftigt an. Ich entscheide mich also gegen weitere Unterbrechungen und konzentriere mich stattdessen auf mein Kommunikationsgerät, um zu sehen, ob es einen Schaden davongetragen hat. Aber es scheint nichts kaputt zu sein. Es handelt sich um einen hübschen kleinen UKW-Empfänger, der imstande ist, die gesamte Bandbreite in Sekundenbruchteilen zu durchlaufen. Analog, nicht digital, aber der neueste Stand der Technik. Wenn es also ein Rauschen empfängt, dann gibt es dieses Rauschen auch.

Ich gehe zurück zum Eingang und blicke zum Himmel hoch. Die Sterne wirken hier sehr nah. Der rötliche Strudel der Galaxie starrt wie ein bösartiges Auge auf mich herab. Ich suche den Mond, der aber von hier aus nicht sichtbar ist. Sein Licht zeichnet messerscharfe schwarze Schatten in die bläuliche Schneelandschaft. Ich blinzle und wünschte, ich könnte mir die Augen reiben. Blau? Bilde ich mir das ein? Oder verwirren mich die optischen Filter in meinem Visier?

Ich wende mich wieder dem Innenhof zu. Jemand winkt mich heran. Die Tür vor der Luftschleuse steht weit offen. »Howard, Hutter, Scary – ihr seid an der Reihe.« Ich bewege mich vorsichtig vorwärts. Der Betonboden ist voller Risse, und überall sind alte Ölflecken zu erkennen. Ich drehe mich noch einmal um und bemerke, dass sich Pike mit der Wasserstoffbombe auf Rädern in unsere Richtung bewegt. »Ich komme nach euch durch die Schleuse, samt Sprengsatz«, höre ich Alan sagen. Ich betrete die Luftschleuse und betrachte verwundert die zahlreichen Rohre an den Wänden, die mich an ein U-Boot aus einem alten Kriegsfilm erinnern. Hutter schließt die Tür hinter uns und dreht an einer Kurbel. Die Luftschleuse ist schmal und dunkel und wird nur von unseren Helmlampen erleuchtet. Mir wird ganz anders. Was würde passieren, wenn die Tür nun nicht mehr aufginge? Neben mir steht Scary Spice, der sich an der gegenüberliegenden Tür zu schaffen macht. Zischend dringt weißer Nebel durch einen Spalt in den Raum ein, und eine Messnadel an meinem Schutzanzug fängt an zu zittern. Luftdruck. Nach ein paar Sekunden spüre ich, wie der Anzug an Spannung verliert und sich nass und klamm um mich legt. Dann ertönt ein Scheppern, und das Zischen hört schlagartig auf.

»Wir gehen rein«, sagt Scary Spice, während er die innere Tür aufstößt.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich eigentlich erwartet habe, aber ganz bestimmt nicht einen Zwinger voll tiefgefrorener Rottweiler. Jemand hat das Licht angeschaltet – eine nackte Glühbirne, die an der Decke hin und her schwingt und wilde Schatten auf das Dutzend ausgehungerte Hundekörper wirft. Direkt vor uns befindet sich eine offene hölzerne Tür, die in einen Korridor führt. Das Licht der einsamen Glühbirne reicht nicht aus, um mehr zu sehen.

Hutter tippt mich auf den Rücken.

»Sie können Ihren Sender jetzt ausschalten«, erklärt sie. »Wir haben Luft.« Sie schaltet an ihren Instrumenten herum. »Kann man vielleicht sogar atmen, aber ich würde es nicht darauf ankommen lassen.«

»Ruhe.« Scary Spice sieht sich um. »Mike?«

»Mike hier.« Mein Funkgerät rauscht nicht mehr so stark, seitdem wir uns im Inneren des Blockhauses aufhalten. »Bisher kein Lebenszeichen – nur ein verstaubter Raum und tote Hunde. Im ganzen Erdgeschoss niemand zu sehen.« Er hört sich genauso verwirrt an, wie ich mich fühle. Wo zum Teufel sind die Kerle?

Hutter schließt die Tür der Luftschleuse, und ich höre ein durchdringendes metallenes Knirschen. Es klingt ganz so, als wäre sie die letzten fünfzig Jahre nicht geölt worden.

»Wir haben hier ein paar Tote.« Ich zucke zusammen. Die Stimme klingt beunruhigend nervös. Ist es Chaitin? »Ich bin im dritten Stock, Korridor B, linker Flügel, und es ist kein schöner Anblick.«

»Barnes hier. Chaitin, Lagebericht.« Alan klingt ganz sachlich.

»Sie sind … Es scheint das Offizierskasino zu sein. Schwer zu sagen, wir haben Minustemperaturen, es ist also alles gefroren, aber alles ist blutverschmiert. Und viele Tote. Sie tragen … Ja, SS-Uniformen. Ich bin mir nicht sicher welche Einheit, aber sie sind von der SS. Sieht so aus, als hätten sie sich selbst erschossen. Ich meine, gegenseitig. Um Gottes willen … Entschuldigen Sie, Sir. Einen Moment.«

»Kein Problem, Greg. Atmen Sie tief durch. Was ist so schlimm? Sprechen Sie mit mir.«

»Es sind mindestens zwanzig, Sir. Ähnlich wie die Hunde, tiefgefroren und wie mumifiziert. Das muss schon vor einer Weile passiert sein. Eine Gruppe liegt an einer Wand, eine andere ist um einen Tisch herum versammelt – einer hält noch eine Pistole in der Hand. Allesamt sind tot. Auf dem Tisch befinden sich einige Papiere.«

»Papiere? Was können Sie uns darüber sagen?«

»Nicht viel, Sir. Ich spreche kein Deutsch, und genau das scheint es zu sein.«

Jemand flucht laut. Nach einem Moment begreife ich, dass es Chaitin ist.

»Status, Chaitin!«

»Ich bin gerade in etwas getreten.« Weitere Flüche. »Tut mir leid, Sir.« Man hört schweres Atmen. »Es stellt kein Sicherheitsrisiko dar, aber jeder, der hier reinkommt, sollte sich auf etwas gefasst machen! Sieht nach starker schwarzer Magie aus.«

Hutter legt mir die Hand auf die Schulter und drängt mich vorwärts. »Howard kommt zu Ihnen. Fassen Sie nichts an.«

Das Gebäude ist ein Alptraum aus dämmrigen Korridoren voller Staub und Trümmer. Sie sind so schmal, dass man sich mit dem sperrigen Schutzanzug und dem Rucksack nur mit Mühe darin umdrehen kann. Scary Spice führt mich durch eine Reihe von Zimmern, vorbei an niedrigen Bänken, die um einen alten hölzernen Tisch stehen, ehe wir eine große, zentral gelegene Halle erreichen. Eine Treppe führt nach oben und nach unten. Wir befinden uns vor einem weiteren Korridor mit offen stehenden Türen. Dort wartet Chaitin bereits auf uns.

Die Szene, die sich uns darbietet, ist mehr oder weniger genau so, wie Chaitlin sie beschrieben hat: Tische, zahlreiche tiefgefrorene Mumien in grau-schwarzen Uniformen, mit dunklen Flecken übersät. Aber die Wand hinter der Tür –

»Hier Howard. Das habe ich schon einmal gesehen«, gebe ich über Funk durch. »Eine für die Ahnenerbe-SS typische Zahlenmagie-Induktivitätsvor-richtung. Da sollte doch ein … Ah ja.« Ein Regal mit versiegelten Gasflaschen ist unter dem Ding angebracht, das wie eine gläserne Druckerpresse mit Stahlzähnen aussieht. Darin ist ein verschrumpeltes, augenloses Etwas gefangen. Den Mund weit aufgerissen, ist es in einem ewigen Schrei der Höllenqualen erstarrt, während es an den Fesseln zu reißen scheint, die seine vertrockneten Sehnen und Muskelfasern auseinanderzerren. Ich versuche, nicht zu genau hinzusehen, denn es wäre sicher keine gute Idee, sich in einem Schutzanzug zu übergeben. Klemmen, Batterien und ein neunzehn Zoll breiter Rahmen – aber wo sind die Rinnen? Unter dem Blutgitter.

»Sieht mir wie eine letzte Beschwörung aus, bevor sie gestorben sind. Beziehungsweise sich die Kugel gegeben haben.« Ich verfolge mit dem Finger die abgrenzende Rille dieser alten Maschine, ohne jedoch etwas zu berühren. Wahrscheinlich war sie mit flüssigem Quecksilber als Leiter gefüllt, das aber schon lange verdampft ist. Falls es sich um eine Beschwörung handelte, wird diese entweder durch Berührung oder entlang elektrischer Leiter hervorgerufen. (Visuelle Möglichkeiten gibt es auch, es bedarf aber guter Computeranimationen, um erfolgreich zu sein.) Ich wende mich von dem armen Kerl ab, der auf der Foltermaschine aufgespießt ist, und werfe einen Blick auf den Tisch. Die Papiere dort sind mit der Zeit brüchig geworden. Ich hebe das oberste Blatt an und entdecke auf der nächsten Seite Ptaths Transformationsgeometrien. »Sie haben tatsächlich eine Beschwörung durchgeführt«, bestätige ich. »Ich kann zwar nicht mit Sicherheit sagen, welche, aber es muss sich um eine Art Invokation gehandelt haben.« Aus einem unerfindlichen Grund quält mich ein extrem mulmiges Gefühl. Irgendetwas stimmt hier nicht. Was habe ich übersehen?

Der Leichnam mit der Pistole in der Hand scheint mich höhnisch anzugrinsen.

Ich schalte den Funk aus und verlasse mich zur Abwechslung mal wieder auf das gute alte Sprechen, sodass man mich nur innerhalb des Zimmers hören kann. »Chaitin«, sage ich langsam. »Der Tote da. Der mit der Pistole. Hat er alle anderen hier im Raum erschossen oder war das jemand anders? Hat er sich vielleicht nur verteidigt?«

Chaitin begreift nicht so ganz, was ich von ihm will. »Ich verstehe nicht –« Er hält inne, kommt dann aber um den Tisch, um sich die Szene noch einmal genauer anzusehen. »Ah ja«, sagt er. »Vielleicht gab es da wirklich noch einen anderen. Aber es sieht schon so aus, als ob er sich selbst umgebracht hätte. Das ist komisch –«

Mein Funkgerät springt wieder an, sodass ich seine letzten Worte nicht mehr höre. »Barnes an alle: Wir haben Professor O’Brien gefunden. Howard, kommen Sie ins zweite Untergeschoss, aber dalli! Wir brauchen Ihr Spezialwissen, um sie rauszuholen. Alle anderen aufgepasst: Hier muss noch mindestens ein Überlebender sein.«

Meine Nackenhaare stellen sich auf. In welcher Lage befindet sich Mo, wenn sie meine Hilfe benötigen, um sie zu befreien? Auf einmal bemerke ich, dass Chaitin mich beobachtet. »Passen Sie auf sich auf«, meint er schroff. »Wissen Sie, wie man das hier handhabt?«

»Das?« Ich zeige auf die Basilisken-Waffe, die um meinen Hals baumelt. »Klar. Und hören Sie: Berühren Sie unter keinen Umständen diese Maschine. Verstanden? Ich glaube zwar, dass sie nicht mehr funktioniert, aber man weiß schließlich nie.«

»Los, machen Sie schon.« Er zeigt mit der Hand zur Tür. Draußen entdecke ich Scary Spice, der im Korridor hockt und dessen Augen seltsam zu schillern scheinen.

»Gehen wir.« Wir laufen zur Treppe, die in die unteren Stockwerke führt. Ich werde das quälende Gefühl nicht los, dass ich etwas wirklich Wichtiges   übersehen habe, dass wir dabei sind, in, ein riesiges Spinnennetz aus Dunkelheit und schrecklichen Fallen zu tappen, und genau das tun, was das Monster in der Mitte des Netzes will. Und das alles nur, weil ich die Zeichen um mich herum falsch deute.

 

Im Keller ist es kälter als in den oberen Stockwerken. Sergeant Pike, der seinen Helm abgenommen und eine Paraffin-Lampe angemacht hat, wartet bereits auf mich. In der klirrenden Kälte ist sein Atem deutlich sichtbar. »Was hat denn so lange gedauert?«, will er wissen.

Ich zucke mit den Schultern. »Wo ist sie und wie geht es ihr?«

Er zeigt auf den näher gelegenen von zwei Korridoren. Er ist mit einer biolumineszierenden Lampe beleuchtet, die ein unheimliches grünes Licht abgibt. Allein bei diesem Anblick dreht sich mir bereits der Magen um. Mir schwant nichts Gutes. »Sie ist bei Bewusstsein, aber niemand rührt sie an, bis wir Ihr Einverständnis dazu haben.«

Na super. Ich folge dem grünlichen Licht den Korridor entlang zu einer Tür.

Obwohl die Tür weit offen steht, haben wir es hier offensichtlich mit einer Gefängniszelle zu tun. Jemand hat eine Laterne auf den Boden gestellt, sodass ich sehen kann, was sich in dem Raum befindet. Er ist fast völlig mit einer Evokationsvorrichtung ausgefüllt, die zwar keine Foltermaschine wie die in der oberen Etage zu sein scheint, aber ihr doch ziemlich ähnelt. Da ist ein Holzrahmen, der an ein Himmelbett erinnert und an dessen vier Seiten kompliziert anmutende Flaschenzüge angebracht sind. Man hat Mo dort nackt an Händen und Füßen angekettet. Das Letzte, was mir bei diesem Anblick jedoch durch den Kopf gehen würde, wären Gedanken sexueller Natur – vor allem wenn ich mir die Vorrichtung anschaue, die an weiteren Flaschenzügen und den Stahlseilen, die auch durch ihre Fesseln führen, befestigt ist und wie ein merkwürdiger Lüster über ihr hängt. Jeder Pfosten endet in einem Tesla-Transformator. An einer Ecke befinden sich ein gewaltiger Generator sowie die Eingeweide einer HF-Schaltung aus einer alten Radarstation. In der Mitte ist ein eigentümliches Pentagramm eingezeichnet. Das Ganze gleicht einer bizarren Mischung aus einem elektrischen Stuhl und einer Streckbank.

Mos Augen sind geschlossen. Sie scheint nicht bei Bewusstsein zu sein. Ich kann nicht anders: Hektisch fummele ich an dem Verschluss meines Helms herum, bis ich das Visier hochklappen und die eiskalte Luft einatmen kann. Mo wurde vor ungefähr acht Stunden entführt. Wenn man sie seitdem hier festgehalten hat, ist sie wahrscheinlich schon halb erfroren.

Ich nähere mich ihr vorsichtig, wobei ich darauf achte, den mit Lötzinn auf den Steinboden gezeichneten Schaltkreis nicht zu berühren. »Mo?«

Sie zuckt zusammen. »Bob? Bob, hol mich hier raus!« Ihre Stimme klingt heiser und ängstlich.

Ich hole tief und zitternd Luft. »Das ist genau, was ich vorhabe. Bleibt nur noch die Frage wie.« Ich sehe mich um. »Irgendjemand da?«, rufe ich.

»Sofort«, höre ich Hutters Stimme aus dem Korridor. »Wir warten noch auf den Boss.«

Ich suche nach meinem Palmtop. Ehe ich mich dem Bett noch weiter nähere, möchte ich genau wissen, womit ich es zu tun habe. »Mo, sprich mit mir. Was ist passiert? Wer hat dir das angetan?«

»Oh Gott, er ist noch da draußen …«

Panik ergreift sie, und sie fängt an, wie wild an den Seilen zu reißen. »Stopp! Hör auf.«, schreie ich, nun ebenfalls panisch. »Mo, hör auf, dich zu bewegen. Die ganze Vorrichtung könnte auf dich herunterfallen!«

Sie hört so abrupt auf, sich zu bewegen, dass das Folter-Streckbett heftig wackelt. »Was hast du gesagt?«, fragt sie flüsternd.

Ich lasse mich auf meine Fersen nieder und versuche, das Fundament dieser Vorrichtung genauer zu untersuchen. »Ich binde dich los, sobald ich sicher sein kann, dass du nicht in den Schaltkreis integriert bist. Weißt du, so eine Art Totmann. Sieht mir ganz nach einer Vohlman-Knuth-Konfiguration aus, die momentan zum Glück ausgeschaltet ist. Ein bisschen Strom und die Sache könnte ganz anders aussehen.« Ich habe ein interessantes Diagnose-Programm auf meinem Palmtop aufgerufen und der Hall-Effekt-Sensor im Rechner liefert mir einige überaus nützliche Daten. »So etwas benutzt man für Geisterbeschwörungen. Dämonen, wie man sie früher einmal nannte. Heutzutage nennen wir sie primäre Manifestationen. Wahrscheinlich, weil sich das Management dann nicht gleich in die Hose macht. Wer hat dich hier festgeschnallt?«

»Ein dünner Typ mit gebräuntem Teint und deutschem Akzent.«

»Der aus Santa Cruz?«

»Nein, den hier hatte ich noch nie zuvor gesehen.«

»Scheiße. War er allein? Hat er an dem Streckbett herumgeschaltet?«

Ich inspiziere die obere Seite der Vorrichtung. Der seltsame Lüster über Mo ähnelt einer fürchterlichen dreidimensionalen Guillotinenklinge. Wenn man auch nur eines der Seile durchschneiden würde, die Mo festhalten, käme sie unweigerlich herunter. Ich bin mir nicht sicher, woraus sie genau besteht. Glas und Teile menschlicher Knochen sind ebenso erkennbar wie farbkodierte Drähte und Zahnräder. Außerdem weiß ich nicht, ob die verdammte Klinge nicht sowieso herunterfällt, wenn jemand die Vorrichtung anschaltet.

»Nein, ich glaube, er war allein«, flüstert Mo, scheint sich aber nicht sicher zu sein.

Ich sehe mir nun den Fuß des Geisterbeschwörungsbettes an und entdecke zu meiner Erleichterung ein Log-Display. Offensichtlich sind hier schreckliche Dinge vor sich gegangen: Geister, die durch die Drähte heulten; zerstörte Informationen, die mithilfe von merkwürdig gedrehten Geometrien aus Silberdraht und Haaren gehängter Frauen aus unserem Raum-Zeit-Kontinuum geschleust wurden.

Dieser widerwärtige Abschaum! Ich muss Mo unbedingt dazu bringen, weiter mit mir zu sprechen.

»Ich habe geschlafen«, fährt sie fort. »Ich erinnere mich noch an einen Traum – ein tosender, sehr kalter Wind, und ich werde irgendwohin getragen, kann mich aber nicht bewegen. Als ob ich gelähmt wäre. Ich habe wahnsinnige Angst gehabt und konnte nicht atmen. Dann bin ich hier aufgewacht. Er beugte sich über mich. Mein Kopf tut so weh, als ob ich einen höllischen Kater hätte. Was ist genau passiert?«

»Hat er irgendetwas gesagt?«, frage ich. »Hat er irgendwelche Einstellungen vorgenommen?«

»Er meinte, dass ich meinen Zweck erfüllt habe und das mein letzter Beitrag wäre. Seine Augen waren wirklich merkwürdig. Leuchtend. Aber was bedeutet das? Was meinst du mit Einstellungen?« Sie versucht, den Kopf zu heben und die ganze Maschinerie fängt gefährlich an zu schwanken. Das Bedienungsfeld beginnt zu summen und in einer Ecke leuchtet ein rotes Licht auf.

»Oh Scheiße«, murmele ich, als sich die Tür öffnet und zwei Soldaten in Schutzanzügen hereinkommen. Ich sehe, wie der Lüster über Mo hin und her schwingt, und höre den Bettrahmen ächzen. Als sie Luft holt, um zu schreien, klettere ich ungelenk auf die Konstruktion und platziere mich – auf Hände und Füße gestützt – schützend über ihr. »Kappt diese verdammten Fesseln und holt sie hier raus«, brülle ich die Männer an. »Und schneidet die verdammten Drähte durch!« Ich knie auf einem dieser Drähte, als der Lüster mit einem lauten Knall auf meinen Rucksack prallt – und ich leider feststellen muss, dass er unter Strom steht und Mo geerdet ist.

 

Mein Kopf dreht sich, mir ist übel und mein rechtes Knie brennt wie Feuer. Was mache ich

»Bob, wir heben es jetzt an. Können Sie mich hören?«

Ja, kann ich. Am liebsten würde ich mich übergeben. Ich grunze irgendetwas, als sich das drückende Gewicht von meinem Rücken löst. Zwinkernd erkenne ich Holzlatten vor mir, als jemand meinen Arm ergreift und versucht, mich zur Seite zu zerren. Es tut verdammt weh, und ich höre jemanden schreien – war ich das? Dann brüllt jemand: »Sanitäter!«

Sekunden oder Minuten später merke ich, dass ich auf dem Rücken liege und mir jemand auf den Brustkasten drückt. Ich blinzle und versuche, einen Laut von mir zu geben. »Können Sie mich hören?«, ruft jemand.

»Mm.«

Der Druck auf meinen Brustkorb lässt für einen Moment nach, und ich zwinge mich dazu, tief einzuatmen. Ich weiß, dass ich auf irgendetwas liege, aber worauf? Mühsam öffne ich die Augen. »Oh, Mann. Das war nicht schön. Mein Knie –«

Alan beugt sich über mich, sodass er in mein Blickfeld kommt. Hinter ihm laufen geschäftig einige Leute hin und her. »Was ist passiert?«, will er wissen.

»Ist Mo –«

»Mir geht es gut, Bob.« Ihre Stimme ertönt direkt hinter mir. Ich zucke zusammen. Mein Kopf fühlt sich an, als ob mir mit einem Vorschlaghammer einer verpasst worden wäre. »Das … Das Ding …« Ihre Stimme bebt.

»Es handelt sich um einen Altar«, antworte ich müde. »Hätte ich schon früher erkennen müssen.  Alan, der Vermisste ist hier noch irgendwo versteckt. Mo war der Lockvogel für eine Falle.«

»Ich höre.« Alan klingt wie ferngesteuert. Ich drehe mühsam meinen Kopf und erspähe Mo, die mit ausgestreckten Beinen mit dem Rücken zur Wand sitzt. Jemand hat ihr einen roten Overall gegeben, der zwar nicht vakuumgeeignet ist, ihr aber erst einmal gegen die Kälte hilft. Zudem ist sie in eine Aludecke gewickelt. Von dem Altar hinter ihr ist nicht mehr viel ganz geblieben.

»Es ist nicht sehr schwer, ein Tor zu öffnen und Informationen durchzuschleusen – vor allem wenn schon ein menschlicher Körper am anderen Ende wartet. Physikalische Tore sind schwieriger, und je größer sie sein sollen, desto mehr Energie – oder Leben – benötigt man, um Stabilität zu gewähren. Das hier jedenfalls ist ein Altar; im Archiv des Rijksmuseums stehen auch ein oder zwei solcher Ungetüme. Das Opfer wird auf den Altar gebunden. Man schließt es an einen Beschwörungsschaltkreis an und tötet es – dafür war der Lüster vorgesehen –, und dann leitet man den daraus resultierenden Energieschub in den Schaltkreis. Aber bei diesem hier … Nun, die Wächter um den Altar waren verloren. Sobald sich die Beschwörung manifestiert hatte, gab es keinerlei Schutz vor dem Wesen, das sie gerufen hatten. Es ergriff Besitz von jedem, mit dem es in Kontakt kam. Ein Transfer durch Elektrizität – denkbar einfach und deshalb auch nicht selten.«

»Also haben Sie versucht, Dr. O’Brien mit Ihrem Körper zu schützen«, meint Alan lapidar. »Wie rührend!«

Ich huste und zucke schmerzlich zusammen, denn mein Kopf droht jeden Augenblick zu platzen. »Ganz so romantisch war es nicht. Ich dachte mir, dass die Konstruktion meine Sauerstofftanks nicht durchbohren würde. Und wenn Mo getötet worden wäre, hätte es uns alle erwischt.«

»Was sollte es beschwören?«, fragt Mo, deren Stimme noch immer heiser klingt.

»Ich bin mir nicht ganz sicher.« Ich runzele die Stirn. »Nichts Freundliches, das ist klar. Aber das hier ist nicht mehr die Ahnenerbe-SS, nicht wahr? Sie haben diese Festung zwar irgendwann einmal errichtet, aber sie haben schon lange das Zeitliche gesegnet, offenbar durch Selbstmord. Aber dieser Kerl hier scheint eine Art von Evokationswesen zu sein, das von Körper zu Körper wandert. Dich, Mo, hat es seit Kalifornien beschattet, aber als es dich endlich in seiner Gewalt hatte, wollte es dich nur als Rohmaterial für ein Beschwörungsopfer benutzen. Das ergibt doch keinen Sinn, oder? Wenn ich dich durch die halbe Welt verfolge, warum stelle ich mich dann nicht einfach vor, schüttle dir die Hand und bin auch schon in deinem Kopf?«

»Das kann uns im Augenblick egal sein«, unterbricht mich Alan. »Wir gehen bald. Roland zufolge wird das Tor nämlich kleiner. Wie es im Augenblick aussieht, stehen uns noch vier Stunden zur Verfügung, und dieser mysteriöse Entführer hat sich bisher noch nicht gezeigt. Also werden wir eine Wache ans Tor stellen und dieses Universum so schnell wie möglich verlassen. Unser kleines Feuerwerk bleibt hier. An uns vorbeischleichen kann er nicht, und die Wasserstoffbombe sollte den Rest erledigen.«

»Aha. Wie geht es meinem Sauerstofftank?«

»Der hat ein paar Dellen. Außerdem ist Ihre Brustkontrollleiste nicht mehr funktionsfähig, denn sie hat die meiste Elektrizität abbekommen. Was auch gut war, ansonsten wären Sie jetzt etwas knuspriger. Hören Sie zu. Da unser Funksystem nicht mehr lange mitzumachen scheint, muss ich alles persönlich organisieren.« Alan sieht sich um. »Hutter, Sie kümmern sich um diese beiden. Ich möchte, dass sie innerhalb einer Stunde wieder mobil sind. Wir müssen nämlich verdammt viel hier rausschaffen.« Er schaut zu mir herunter und zwinkert. »Gut gemacht, mein Junge.«

Während der nächsten Viertelstunde erhole ich mich so weit, dass ich mich gegen die Wand lehnen kann. Mo hört allmählich auf zu zittern. Sie beugt sich zu mir rüber. »Danke«, sagt sie leise. »Das war verdammt knapp.«

Hutter und Chaitin stürmen mit zwei Säcken voller Ausrüstung in die Zelle. Sie haben alles dabei: Vakuum-Unterwäsche, einen beheizbaren Schutzanzug, eine neue Brustkonsole und einen neuen Kreislauftank für mich und alles Nötige für Mo. »Schau dir die beiden Turteltauben an«, meint Chaitin belustigt, als er uns sieht. »Los, auf die Füße, ihr Hübschen. Wir müssen hier raus, und ihr werdet eure eigenen Beine benutzen müssen.«

Während Hutter Mo in den Schutzanzug hilft, stolpere ich noch einmal um das Folterbett herum und suche nach meinem Palmtop, der mir abhanden gekommen ist, als ich mich auf Mo warf. Er liegt unversehrt in einer Ecke auf dem Boden. Das ist zumindest eine gute Nachricht. Ich werfe gedankenverloren einen Blick auf die Thaumpartikel und erstarre. Hier stimmt etwas überhaupt nicht. Ich folge mit dem Palmtop der Spur der Partikel, bis ich eine ungewöhnlich hohe Konzentration vor dem Regal mit der Hochspannungsschaltanlage entdecke. Irgendetwas passiert hier. Die lokale Entropie ist extrem hoch, als ob Informationen in diesem Umkreis unwiederbringlich zerstört würden. Dabei ist die Hochspannungsanlage überhaupt nicht eingeschaltet. Ich stecke den Palmtop ein, rüttele vorsichtig an dem Regal, und verliere fast das Gleichgewicht, als es in meine Richtung gleitet.

»He!« Chaitin steht direkt hinter mir. Er schubst mich beiseite und richtet seine Waffe auf die dunkle Kammer, die sich hinter dem Regal geöffnet hat.

»Nicht!«, warne ich. »Warten Sie.« Ich schalte das Licht an meinem Helm an, beleuchte damit die Kammer – und wünsche mir umgehend, ich hätte es nicht getan.

»Ach, du Scheiße!« Chaitin lässt seine Waffe sinken, wendet den Blick aber nicht ab. Hinter dem Regal befindet sich eine weitere Zelle. Sie muss schon länger nicht mehr betreten worden sein, aber es ist so kalt, dass die meisten Körperteile noch erkennbar sind. Es riecht mehr nach Metzgerei als nach Grab, aber der Geruch des Todes ist unverkennbar. Vor uns liegen so viele Ersatzteile, dass Dr. Frankenstein daraus ein weiteres Dutzend Monster erschaffen könnte. »Machen Sie die verdammte Kammer wieder zu«, sagt Chaitlin entsetzt und wendet sich ab.

»Hat jemand eine Säge dabei?«, will ich wissen.

»Was? Sind Sie jetzt übergeschnappt?« Er schiebt das Visier nach oben und starrt mich an. »Warum?«

»Ich möchte einige Proben mitnehmen«, erwidere ich. »Ich hoffe, dass sie mir einiges über die Mukhabarat und ihre Operation in Santa Cruz sagen können.«

»Sie sind verrückt«, meint er.

»Vielleicht, aber interessiert es Sie denn überhaupt nicht, wer da liegt?«

»Nein, ganz und gar nicht.« Er holt tief Luft. »Wissen Sie, ich war in Bosnien. Haben Sie schon einmal ein Massengrab gesehen?« Er blickt zu Boden und scharrt angestrengt mit einem Fuß. »Ich musste zwei Wochen lang eine Gruppe Forensiker bewachen. Das Schlimmste an diesen Gräbern war, dass man hinterher wie ein Wahnsinniger versucht, den Dreck abzuschrubben, aber letztendlich muss man die Stiefel dann trotzdem wegwerfen. Wenn der Geruch erst einmal in das Leder eingedrungen ist, wird man ihn nie wieder los.« Er wendet sich ab. »Sie können es sich also abschminken, dass ich Ihnen bei diesen Trophäen behilflich bin.«

»Dann bringen Sie mir eben eine Axt!«, fahre ich ihn irritiert an. Er wirft mir einen eigenartigen Blick zu und scheint für einen Moment zu überlegen, ob er mir eine verpassen soll oder nicht. Dann dreht er sich um und verlässt die Zelle.

Kurz darauf kommt er mit einer Axt und einem leeren Sack zurück. Er lässt mich für zehn Minuten allein, in denen ich herausfinde, wie schwer es ist, ein gefrorenes Handgelenk zu durchtrennen. Wer weiß, wie lange es dort schon liegt? Einige Tage oder vielleicht einige Wochen? Eine wahnsinnige Wut breitet sich in mir aus. Ich bin so aufgebracht, dass mich die schreckliche Arbeit, die ich hier erledigen muss, nicht einmal entsetzt. Ich will dieses Monster finden, das hier so gewütet hat. Ich will es spüren lassen, was es anderen angetan hat. Und wenn ich dafür eine tote Hand von einem toten Arm abtrennen muss, dann bezahle ich gerne diesen Preis – und zwar mit Zinsen.

Aber warum quält mich immer noch dieses Gefühl, dass ich etwas ganz Offensichtliches übersehen habe? Zum Beispiel warum uns dieser Dämon – dieser Dibbuk, dieses Geistwesen oder wie auch immer man es bezeichnen will – überhaupt hierhergelockt hat?